Geld ist Macht
Haben Kunden von Sexarbeiter*innen die ganze Macht, weil sie für sexuelle Dienstleistungen bezahlen?
«Hundertmal lieber eine Gonorrhöe als das Elend der Masturbation»
August Cramer, Psychiater (1860–1912)
Dieses Zitat historisch einzubetten, dafür fehlt an dieser Stelle leider der Platz. Aber es bietet eine schöne Einladung, dem Phänomen der Kundschaft von Sexarbeiter*innen ein wenig näher zu kommen. Das Zitat widerspiegelt nämlich die damals vor allem in bürgerlichen Kreisen vorherrschende Vorstellung, Onanie sei eine Sünde, da sie nicht der Fortpflanzung diene. Deshalb unterhielt ein richtiger Mann für die Fortpflanzung eine Ehefrau – für den Sex aber bezahlte er eine Sexarbeiter*in. Liegt darin auch heute noch eine der Erklärungen, warum Kunden Sexarbeiter*innen aufsuchen?
Wie immer ist die soziale Realität komplexer und die Gruppe von Sexkunden ebenso heterogen wie diejenige der Sexdienstleister*innen. Der Soziologe Udo Gerheim hat in seiner grundlegenden Studie «Die Produktion des Freiers» vier Motivdimensionen für bezahlten Sex herausgearbeitet:
- Die unmittelbare (jederzeit) garantierte Erfolgsaussicht auf Sex ohne Angst vor Ablehnung und Zurückweisung
- Die Trennung von Sex und Liebe und die Nachfragemöglichkeit nach «reinem» Sex
- Der Ausschluss von Beziehungserwartungen, sozialer Verantwortung und (sexuellem) Leistungsdruck
- Die Möglichkeit, geschlechtsspezifisch «anders» sein zu dürfen (passiv, empfangend, schwach, offen etc.)
Klar: Begegnungen zwischen Kunden und Sexarbeiter*innen finden nie in einem machtfreien Raum statt. Aber daraus zu schliessen, dass die zahlenden Kunden deswegen immer Könige und die Sexarbeiter*innen immer machtlose Objekte von deren Begierden seien, trägt nichts zum Verständnis von Sexarbeit bei.
Nahrung fürs Gehirn
Warum kaufen Männer Sex? Udo Gerheim zeichnet die Strukturen des Prostitutionsfeldes nach auf der Grundlage von zwanzig Interviews mit Freiern. Auch wenn die Studie schon etwas älter ist, hat sie nichts an Aktualität eingebüsst, sehr lesenswert!
